Worte auf das Papier

 

Ich versuche seit mehreren Stunden schon

mich an deine Augen zu erinnern

und sie aufzuzeichnen,

aber es kommen mir immer bloß

Worte auf das Papier.

Kein Bild, nicht einmal eine Skizze gelingt.

Selbiges mit deiner Nase und deinem Mund

und sonst allem, was dein Gesicht auszeichnet.

 

Ich verzweifle und scheitere an deinem Etwas

und meiner Erinnerung daran.

Ich möchte dich endlich kennenlernen.

 

Situationselastisch

Je mehr man liest, desto mehr wird es entweder ein Verlesen oder ein Lernen, ein Korrigieren für die Universität oder eine andere bildungsferne Institution. Je mehr ich mich mit meinem und allem anderen Schreiben befasse, desto mehr frage ich mich, ob das Wörtliche denn auch das Wirkliche ist. Ob beide EIN und das SELBE sind, wie oft behauptet wird, oder eben nicht, sondern voneinander losgelöst, wie bei Reinhard Priessnitz. In einen Namen tauchen birgt die Gefahr des Ertrinkens, was jeder Säugling weiß, aber niemals weitergibt. Und weil jedes Wort zugleich Name ist, beginnt genau dort der Irrtum der Sprache. Im Egoismus des Einzelnen und in der Bewegung zwischen mehreren Egoismen. Sprache entwirft immer bloß Sprache und niemals eine Wirklichkeit. Wirklichkeit entsteht immer durch Wirklichkeit, die noch nie ein Mensch in ihrer Gesamtheit erfassen hat können, weil die Wirklichkeit keine Gesamtheit, keine Samtheit kennt. Auch Sprache ist im Übrigen nicht durch diese Kategorien zu begreifen. Im Grunde sind alle Wörter der Welt bloß alle Wörter der Welt, aber niemals eine Sprache. Ein Wort ist immer eine Nadel aus Heu in einem Heuhaufen, ganz selten gelingt es einem das gesuchte Wort auf eine mögliche Wirklichkeit hin zu finden und damit den Nagel auf den Kopf zu treffen.

STARK WIE EIN SCHMETTERLING SEIN
UND MIT DEN FÜSSEN SCHMECKEN

Eine Stunde Null immer wieder ansetzen, macht eine Literatur nicht hochwertiger. Keine Metapher schafft das. Und auch das ewige Sprechen über Bäume nicht. Was habt ihr damit, was gibt euch das? Haltet ihr mich für dämlich? Ihr schreibt auf dem selben Papier wie ich. Auf elastisch reißendem weißen Papier und auf den immer gleichen festgefahrenen Strukturen, den immer gleichen festgefahrenen Strukturen. So situationsunabhängig wie nur möglich, weil Literatur nicht einfach in Situationen schlüpfen kann, wie Maden in faules Fleisch etwa, weil Literatur mit Situationen eigentlich gar nichts zu tun hat. Weil sprachliche Zeichen immer bloß sprachliche Zeichen bleiben, immer bloß Kot zwischen Autor und Leser, und niemals nie eine tatsächliche Situation ergeben können. Erfahrung wird immer eher körperlich gespeichert, als sprachlich. Wer das nicht glauben kann, soll sich einmal ins Gesicht schlagen lassen, während er Goethe liest. Was wird wohl eher in einem Gedächtnis hängenbleiben? Der Schlag oder der Faust?

Spielerei und Farbe

Seit unserem gemeinsamen Kaffee gestern Nachmittag gehst du mir im Kopf herum. Du trottest langsam vor dich für mich hin, bleibst dann und wann stehen um dich umzusehen und machst nicht die geringsten Anstalten zu gehen. Ich weiß nicht, was es war. Was, oder ob du überhaupt etwas an dir hattest. Etwas Besonderes womöglich, etwas Erinnerungsträchtiges. Dein Blick traf zwar auf meinen, aber nie war da etwas Loderndes. Dein Lächeln war eines der gewöhnlichsten, das ich je gesehen habe und die Art, wie du dich artikuliert hast, hat mich nicht im Geringsten gerührt. Und doch habe ich schlecht geschlafen diese Nacht, hab mich im Bett gewälzt und mir meinen Weg zum Traum durch Schafkadaver freikämpfen müssen. Ein Glühen schnellte immer wieder durch meine Windungen, wie das kurze Flackern einer Neon-Röhre. Vielleicht war es deine eigenartige Körperlichkeit, die mir heute so zu schaffen macht. Dein Körper war zwar bloß ein simpler schöner und wohlgeformter Körper, gepackt in alltägliche Kleidung, aber wie du mit ihm umgegangen bist, hat mich möglicherweise fasziniert. Ganz unverfroren hast du dich angefasst, mitten im Gespräch deine Brüste geknetet und dich zwischen den Beinen gestreichelt. Und auch meinem Körper hast du wenig Möglichkeit zur Abgrenzung gegeben. Wieso hast du auch mich so oft angefasst? Ohne offensichtlichen und ohne sexuellen Beweggrund? Bei jeder Möglichkeit, die sich dir bot, hast du meine Hand gestreichelt, mir auf die Schulter geklopft oder bist mir durch die Haare gefahren. Jeden Satz, den du mit deinen Lippen sagtest, hast du mit einer Berührung unterstrichen. Ich war eigentümlich erschöpft nach unserem Treffen, mit meinem Überlegen irgendwo an deinen Lippen und an deinen Händen gefangen, vollends ausgelaugt von deiner Körperlichkeit. Vielleicht war es genau das. Vielleicht ist es genau das, was mir im Kopf herum geht. Vielleicht finde ich aber auch bloß den Gedanken an dich an sich genial und denkenswert. Vielleicht bist du mir mehr ein Bild, von mir selbst gezeichnet, das auf nichts verweist, als auf sich selbst. Wie jedes Bild das tut. Vielleicht bist du bloß Spielerei und Farbe.

Nach einem langen Arbeitstag

Durchflohtes Nachtgeschwämm ziehen deine Augen, deine dreckigen, deine dich bestimmenden Augen. Amöbengleich servierst du mir durch stierendes Blau ein Risotto unserer vergehenden Liebe und es bekommt noch verklebter und zäher als sonst Etwas, noch abgelabter als holzverdorbenes Gestampfe mitten in einem Meer aus zurückgeschlagenen Haaren. Und deine Ohren, deine Ohren wollen mich mitverdauen und deine spänenden Töne wollen hinaus. Hinaus mit dir und gangend in das Vergnügen, dorthin wo der Spaß sterben geht und noch weiter hinauf die Leiter des menschlichen Scheiterns. Schreitend über köchelndes Morchelmus, vor dir her und hin, mit blondem Sorgenparfait. Komm, wir gehen und warten bis alles durchbrennt und kokelt. Lass uns gedulden auf ein Oder.

Wo ein Richter da ein Kläger

Gibst du jemandem einen Hammer, schlägt er einen Nagel ein oder einen Kopf oder er wird Richter und entscheidet über Recht und Unrecht. Gibst du jemandem eine Spritze, sucht er entweder die Nadel in einem Haufen von Klischee oder er wird Arzt und rettet Leben oder er wird Gerichtsdiener und folgt der Entscheidung seines Richters und tötet Leben. Gibst du jemandem eine Schuld, bekennt er sich zum Einen oder er bekennt sich nicht. In beiden Fällen ist das Bekennen von wenig Wert, da die Klage an sich der einzige Wert an sich bleibt. Gibst du jemandem eine Robe, wird er entweder Priester und predigt eine Welt, die nur vor Gut und Böse strotzt, oder er wird Richter und predigt eine Welt, die nur gut und böse kotzt. Eine allumfassende Gerechtigkeit wird es nie geben. Gibst du, so nimmst du.