Ohne Punkt und Komma

Wenn man seine Geschichte selbst schreibt, wird diese Geschichte immer gut ausgehen, würde man sagen, wenn dies ein Sprichwort wäre und jemand andauernd über sein dauerndes Leben, mit dem vielen Chaos und der Unstetigkeit darin, der unaufhörlichen Unantastbarkeit der unerhört vorgefertigten Schienen jammern und schimpfen würde und man diesem Jemand ein Sprichwort um die Ohren schmeißen wollen würde. Das Leben mag dich zwar zeichnen, aber du selbst bist es, der es ausmalt.

Es bringt wenig, verloren zu gehen in einer Masse, die man eigentlich selbst ist. Man sollte immer sein Selbstmöglichstes geben, auch wenn es keiner wertschätzen oder ehren wird. Das menschliche Sein ist eben keine Preisverleihung. Das menschliche Sein erinnert viel eher an das eine Mädchen, das sich unter vielen Leuten in der U-Bahn ungeniert das Kleid hochkrempelt und sich zwischen den Beinen kratzt; das selbst unter den lüsternen und stierenden Blicken nicht aufhört, sondern tiefer kratzt. Schön ist das und beneidenswert. Eigentlich eine eigene Geschichte wert. Eine Geschichte mit Punkt und Komma und Leidenschaft, die nur so strotzt von der Erotik des Banalen.

Aber nun bitte wieder weg von diesen Mädchen, die einem jahrelang die Gedanken einzeln rauben, sie auszupfen wie lästige Härchen. Und weg von den vielen Knaben, denen es nichts ausmacht, jahrelang gedankenlos in Hormonteig zu tauchen. Weg von den vielen Klischees und Unsinnigkeiten. Das Leben ist immer Traum und Trauma zugleich. Es ist so weit und so gut. Oder umgekehrt. Es bringt wenig, die Zeit totstempeln zu wollen in diesem, uns vorgeworfenen Leben. Immer wieder die Karte in das Lochgerät zu stecken, macht die Arbeit nicht weniger, macht körperliches wie geistiges Tun nicht weniger langweilig.

Marion Karl. Anfang 06:51 Uhr, Ende 17: 02 Uhr. Kein Dazwischen. Ist das eine Welt?

Wenn ja, will diese Welt nicht in meinen Kopf. Wo bleibt einem denn da die Energie für Bürokratisches, wo die Kraft zum Wäsche-Waschen, wo die Lust zu Lieben. Vergräbt sich all das in den Gruben, die wir uns selber graben? Gärt all das in einem Sud aus leisen und lauten Verdachten? Nein. Bestimmt nicht. Verstimmt nicht. Höchstwahrscheinlich bleibt diese Energie, diese Kraft und Lust, bei den Unverdachten, denen ohne Dach über dem verwanzten durchlausten Kopf; bei jenen Menschen, die sie tatsächlich nötig haben, diese Potenz. Bei Jenen, die tagein tagaus in unserem Müll wühlen, um ihn aufzuwerten, denen unser Gold schwer im Nacken liegt.

Kinder und Mütter und Väter, die mit ihrer Geburt bereits Ad Acta gelegt werden. Für uns sind das Tiere unter anderen Tieren, die in unserem „Dieser Karpfen schmeckt mir einen Hauch zu sehr nach Zitrone, lassen Sie den Teller zurückgehen und schicken Sie mir den Koch“ untergehen. Armut findet alles auf den ersten Griff, wie ein Sprichwort sagt. Gesegnet sei das Volk und sein immer sprechender und ewig wissender Mund. Das Glück kann jeden treffen, Unglück erst recht. Dass das eine Ungerechtigkeit ist, liegt nicht auf der Hand, das muss man erst in die Hand nehmen, um es dazu zu machen.

So wie man das Recht als solches selbst in die Hand nehmen muss, eine Gerechtigkeit als solche gibt es noch nicht und auch die Gerichte mit ihren Richtern sind noch weit davon entfernt. Mit diesem Auktionshammer zwischen den eigenen knochen- und muskeldurchwobenen Fingern muss man sich in das Gedächtnis der nächsten Generation begeben, um nicht von Recht und Unrecht falschen Gebrauch zu machen, um nicht Regen mit dem eigenen Wasser zu taufen. Oft ist es nämlich kein gutes Recht, sondern bloß ein nötigendes und das Unrecht erweist sich häufig als weit richtiger. Oft hat das Mädchen mit den Fingern zwischen den Beinen als Einzige den Durchblick: Die Liebe führt zusammen, was sie auseinander bricht.

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