Vom Krieg mit sich selbst

Der schlimmste Krieg ist der Krieg mit einem Selbst. Ohne Frage und ohne Antwort. Er ist nicht zu übertreffen an Grausamkeit, an Schwarzsamkeit und Einsamkeit. Er schießt immer absolut treffsicher, seine Quote liegt bei vielen hungrigen Prozenten. Der Krieg mit einem Selbst lässt auch bestimmt nichts anderes zu, keinen Kompromiss, keine Beweise von einem etwaigen Gegenteil, keine Versprechen auf Genesung und Gesundheit. Da kann manch einer schon sagen, wenn er will: Schlimm und elend, vielleicht ja, aber nicht so verheerend und entgleist und entledigend und entsetzlich mitreißend und viele Menschen mit entwurzelnd wie der echte große echte Krieg. Das kann manch einer schon sagen, wie gesagt, aber dieser manch einer täuscht sich. Er täuscht sich allein schon in dem Erlaubnis, diese Feststellung zu machen. Der Krieg mit einem Selbst erlaubt solche versuchten Entwurzelungen nicht, benötigt keine Erklärungen und Verklärungen, sondern fährt weit härtere Geschütze auf und macht einen sagend: Auch der Krieg mit einem Selbst reißt die Menschen um einen nieder, zerbombt alle Bindungen, lässt Freundschaften, Beziehungen, Familien und Zwischenmenschlichkeiten entgleisen. Kollateralschäden à la carte, Ekel und Verachtung zum Dessert.

Was passiert im Krieg mit einem Selbst, was ist er eigentlich, wird sich der pazifistische Mensch fragen, weil das seine Pflicht ist. Nun, manch einer hält es für Angst, manch einer für depressives Blues-Getriebenes, für Lust an Manie und Selbstzerstörung, manch einer für Blödsinn, für Kinderei, für übersensibles Getue. Ich halte ihn für das, was er ist: Krieg.

Während im Krieg mit anderen immer wieder Liebe und Menschlichkeit aufscheint, ist der Krieg mit einem Selbst durchzogen von Hass und seinem weit größeren Bruder, dem Selbsthass, gerädert von einem schmerzhaften Impuls gegen das eigene Vorgehen und Vergehen, gepeinigt von ständiger Sorge um dieses und jenes und jedes. Mit ewig neuen und wachsend zerstörerischen Waffen findet man erneut und abgealtet Mittel und Wege, sich von innen heraus zu zerstören, sich zitternd zu machen, bis ins eigene Grab hinein, das kein offenes Grab sein wird, mit keinem offenen Sarg darin, sondern bloß ein bloßes leeres Feld, geschlossen und karg. Ein Wiederaufbau von diesem dann benötigten Ausmaß kann nicht bewerkstelligt werden, weil man eben allein mit sich selbst ist und anders als im wirklichen Krieg es keine helfenden Hände und Münder gibt und keine Schultern zum anlehnen. Lehnt man den Kopf an die eigenen Schultern beginnt bloß der Hals zu schmerzen, der ohnehin schon schmerzt von der vielen Angst und der vielen Panik.

Manch einer mag jetzt vielleicht meinen, dass diese Vergleiche holpern, vergisst aber, dass oft die holprigsten Vergleiche die treffendsten sind. Manch einer kann zudem und überdies behaupten, dass es eine Lächerlichkeit, nein, eine Frechheit, eine bodenlose, sei, eine Impertinenz so etwas zu schreiben und den echten wirklichen echten Krieg auf diese Weise zu schmälern, gar zu verspotten. Dieser Jemand war dann bestimmt noch nie im Krieg mit sich selbst und weiß nicht, was er redet, weiß nicht einmal, was die Worte bedeuten, die ihm da aus dem Mund fallen, dem pilzbefallenen verpesteten Mund. Der echte große echte Krieg ist in seinem Ausmaß, in seinem Entreißen verheerend. Keine Frage, keine Antwort. Er wirft die Heere der Staaten wie Schachfiguren über blutrot und schreckensbleich gefärbte Karomuster. Viele Zahlen außen rum, die keiner wirklich versteht, viele Buchstaben außen rum, die man noch nie verstanden hat. Spielbrett Sprache, Spielfeld Krieg. Jedes Staatsoberhaupt soziopathisch veranlagt, über Jahre hin angelegt, darauf ausgelegt und  jeder von ihnen Verhaftete und Eingesperrte im Grunde bloß ein Von-Der-Norm-Abweichender, der zum Verbrecher und Soziopathen getauft wird. Jeder Krieg ist verheerend, weil er die Heere fällt, weil er Herren und Damen und ihre Kinder wie Abfall in Tonnen wirft oder sie zu Tonnen macht.

Man geht im Krieg über viele Leichen, bekannte wie unbekannte, aber im Krieg mit einem Selbst geht man über die eigene Leiche, immer und immer wieder. Man prägt sich mit jedem Schritt den man darauf setzt, mit jedem Tritt den man darüber macht, das eigene verzerrte Totengesicht ein.

Der Krieg mit mir selbst ist mir der schlimmste Krieg. Weit schlimmer noch als der echte große echte Krieg, denn er lässt mich den echten großen echten Krieg vergessen, einfach vergessen und mich trotzdem schlecht schlafen. Jeden Morgen wache ich auf ohne auch nur einen Hauch von Sinn in mir, ohne Vertrauen in dem Ganzen. Jeder Morgen ein Morden. Ich wache auf, allein, verklärt und nebelig und frage mich diese Fragen auf die es keine Antworten gibt und schiebe mir Frühstück in den Schlund, das ich mir am Abend wieder aus dem Körper schieben werde. Ich wache auf und koche schon beim Frühstück vor Wut und Sorge, zermartere mir bereits in den ersten Morgenstunden die Kraft und Energie, die vielen Worte und Gedanken, die ich eigentlich einen ganzen lieben langen Tag brauchen würde. So zerkriege ich mich in meiner Verzweiflung und in meinen Zweifeln mit allem, was sich mir über den Weg gesellt. Mit meinen Beziehungen, meinen Freunden, meinen Büchern, meiner Musik, meinen Gedichten und eben auch mit mir selbst. Für das Tier, das ich bin, stehe ich katastrophal im Unreinen mit mir.

Während nach dem echten wirklichen echten Krieg alles ausgeglichen ist, die Städte mit ihren Häusern und den Menschen darin eben und geglättet, platt (gedrückt) und niedergestampft, alle leise gepresst, kein Laut mehr zu vernehmen, gibt es beim Krieg mit einem Selbst kein so absehbares Ende. Man bleibt ewig unausgeglichen, und der Lärm im Kopf schwillt stetig an, das Herz treibt einem den Puls in jedes noch so kleine Äderchen, versucht den Rhythmus in jede noch so volle Zelle zu stopfen. Die Nerven flattern weiter und bringen jedes noch so frisch gebaute Konstrukt, jede erfrischende Idee zum Einsturz und während die Fassaden des Außens eines Menschen im Grunde standhalten, ein wenig bröckeln zwar, ist das Innere ein Haufen lärmender Schutt.

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14 Gedanken zu “

  1. Wahre Worte und wirklich ein grausamer Krieg! Folgendes habe ich einmal dazu geschrieben:

    Müde und verträumt
    stemme ich mich jeden Tag
    gegen das Leben da draussen

    Ausserhalb meines Bettes
    erscheint mir alles
    wie ein grosser Kampf

    Dabei bemerke ich gar nicht
    dass auf meinen Schultern
    schon längst ein Krieg tobt

    Viele Grüsse und alles Gute!

    • Der Krieg auf deinen Schultern entspricht dem meinen. Das viele Stemmen und Ankämpfen, das einen so müde macht … und der Krieg, der einen dann überrumpelt! Sehr schön geschrieben!

      Liebe Grüße zurück und viel Schönes!!

  2. Mit schön gesetzten Worten beschreibst Du Schreckliches, das der Realität sehr oft nahekommt.
    Warum nicht diese Energie, die Du seitenlang (ich liebe Einträge kürzer) in diesen traurigen Kampf mit Dir selbst investierst benutzen, um zu schauen, ob da nicht in Dir, vergessen in eine Ecke zurückgedrängt, ein Teil in Dir wartet, der ans Tageslicht gehoben werden möchte.

    Nur Ich selbst kann kann die Weichen stellen, die dann letztendlich die Richtung bestimmen, auf der mein Zug rollt.

    • Eine gute und berechtigte Frage, die auch ich mir immer wieder stelle. Denn auch ich liebe im Grunde eigentlich die kurzen Einträge mehr, weil sie mich weniger Zeit kosten und oft weit präziser sind. Und auch gibt es ganz bestimmt diesen scheinbar zurückgedrängten und lebenslustigen, fast übermütigen (nicht übermutigen) Teil in mir, der ausbrechen will – diesen lasse ich auch oft genug zu. Ich bin im Grunde recht häufig ein fröhlicher Mensch, ohne Kampf und Krieg. Aber nach gewisser Zeit (ich gestehe: recht schnell) bin ich dann wieder so überfriedet und ausgeglichen, dass sich eine zerstörerische Kraft zu Wort meldet und meine Welt in Frage stellt und schließlich einstürzen lässt. Ich bin immer nur auf sehr bestimmte Zeit glücklich, das ist mein Zug.

      Liebe Grüße!

      • Ich glaube, wir sind alle so veranlagt.
        Um den Frieden wieder spüren zu können, brauchen wir sein Gegenteil.

    • Liebe Sarah, ich danke dir für dein schönes Kompliment. Auch ich verbeuge mich vor dir, weil ein Kompliment von dir, von jemandem der selbst so zauberhafte und traumhafte Texte schreibt, für mich besonders viel Gewicht hat!! Danke und alles Liebe!!

  3. wer so feurig schreibt
    übers krieg führen

    und noch genug kraft hat
    aus dem bett zu kommen

    soll das ruder herumreißen
    bevor die große echte niederlage

    den niederstreckenden rechten haken verteilt

    • die kraft aus dem bett zu kommen
      besitze ich zwar
      aber was bringt mir diese kraft
      wenn ich dieses bett
      an meinem rücken festgezurrt
      mit mir durch die gegend schleppe?

      es gibt keinen kurs für mich
      auch ein ruder gibt es nicht
      ich steuere nichts an.

  4. Pingback: Recht hat er… | Zurück in Berlin

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