Im Augenblick

Da schreibe ich also wieder einmal. Selbstredend auch zwei-, drei- und ewigmal, unter Anbetracht der Historizität. Ich haue mir meine Finger an den Tasten wund und verwundere, stoße mir den Kopf an tausenden Gedanken und Erinnerungen. Stoße mich vorwiegend wiegend an mir selbst und gebe alles darum, mich nicht in der eigenen Rede zu beschränken. Lasse deshalb reichlich Herzblut fließen und blühen; rosig, tulpig, mohnähnlich. Trotzdem gebe ich stets acht, achte mit Argusaugen darauf, nicht mehr als nötig davon zu verlieren. Jedes Wort, das am Bildschirm wie von Geisterhand auftaucht, habe ich fest im Blick. Im Blick, jedoch nicht im Augenblick. Denn der Augenblick besitzt nicht, er gibt nur. Gibt Ideen, bietet Möglichkeiten, liefert einem Anstöße. Doch nur selten nimmt man all das wahr. Selten lebt man im Augenblick. Selten lebt man in der Möglichkeit und der daraus resultierenden Mündlichkeit. Oft weiß man gar nicht mehr, was diese Dinge alle heißen: Augenblick, Möglichkeit, Mündlichkeit. In unserem Zeitalter der Termine und Pünktlichkeiten bleibt ja auch wahrlich nicht viel Platz für solche Begrifflichkeiten, höchstens noch in der Sexualität (ach, was rede ich!?). Nur hin und wieder nehme ich sie wahr, diese Begrifflichkeiten, weil ich zumeist nur wahrnehme, was einmal war.  Nur hin und wieder nehme ich sie ernst: Selten lebe ich im Augenblick. Noch seltener schreibe ich in diesem. Und am seltesten kann ich diesen auch nur irgendwie genießen.

Eine meiner größten Schwächen ist die Unfähigkeit, im Moment der Idee oder des Gefühls Worte zu produzieren. So gut wie nie schreibe ich aus einem Impuls heraus, aus dem tatsächlichen kreativen Quell. Ich mache mir meine Notizen, und das oft und zur Genüge, den eigentlichen Schreibprozess verschiebe ich jedoch. Kaum taucht mir eine Idee hinter der Stirn auf, kritzle ich sie in meinen Block, ständig und überall. Alles mir zur Verfügung stehende Weiß ist voll von Erinnerungen an Empfindungen, voll von nachwehenden Empfindungen zu empfangenen Bildern, alles jedoch bloß in kurzen Stichworten, in skizzenähnlichen Zeichnungen. Denn anstatt es zu beschreiben, lebe ich dieses Gefühl dann lieber, lege mich wie eine Sardine in die gut geschmierte Dose, die man allgemein als Glückseligkeit betitelt und lege all die guten und schlechten und nackten Ideen und Worte zur Seite. Wo sie verkümmern, oder zumindest nie zu dem werden, zu dem sie hätten werden können. Viel zu oft schreibe ich in der Vergangenheit. Ständig erzähle ich, was war und was es mir bedeutet hat. Nie, was ist und was es mir bedeutet.

Kleine Kinder sind da anders, auch in jeder anderen Hin- und Absicht. Wie gebührend dieses eine Sprichwort mit den Sternen und Blumen meint. Was diese Andersheit, diese Steppenwolfwesenheit ausmacht, will ich gerne anhand einer Geschichte erklären, die mir vor zwei Tagen widerfahren ist. Vor zwei Tagen: In der Vergangenheit also. Alles geschah während einer Zugfahrt, am Weg ins polizeibesetzte Traumdorf Wien, als sich, an einem Zwischenstopp, plötzlich eine Mutter und ihr Sohn in mein Abteil gesellten. Die beiden stiegen in Linz zu und ich konnte von diesem Moment an meine Augen nicht mehr von ihnen abwenden. Die beiden waren mir wie die Fliege, die einen abschweifen lässt, vom Lesen, vom Lernen, vom Mensch-Sein, von halbleidenschaftlichem Sex. Immer wieder brach meine Konzentration ab, bis ich mich schlussendlich endlich voll und ganz ihnen hingab. Ihre tiefe Mütterlichkeit und sein verspieltes, leichtes Wesen faszinierten mich und gaben mir viele Gedanken in Aug und Ohr und Mund und Finger und Stirn, welche ich jetzt zu verarbeiten versuche. Also erzähle ich wieder einmal, was war und was es mir bedeutet hat. Same old story. Story of my life. Alarmieren, retten, löschen. Ja, Panik!

Gleich, als ob ich gar nicht im selben Raum gewesen wäre, zog sich das Schauspiel der beiden vor mir ab. Obwohl Schauspiel gerade das verkehrte Wort dazu ist, verkehrter noch, als die üblichen verkehrten und falschen Wörter zu den eigentlich richtigen und konkreten Dingen. Denn es war Wahrhaftigkeit, Erhabenheit und Ehrlichkeit und gewiss keine Verkehrtheit, was sich da vor mir abspielte. Diese Mutter war so sehr Mutter, wie ich es schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte, sowie das Kind so sehr Kind war, dass ich es beinahe schon für unmöglich hielt. Es war so sehr Kind und so sehr Mensch, dass mich einfach jedes seiner Bewegungen, jedes seiner Worte, seine Tollpatschigkeit und Sicherheit darin begeisterte. Meine größte Begeisterung galt jedoch den leuchtenden Augen des Kleinen, welche ununterbrochen, weit aufgerissen, alles, was sie erblickten, in sich aufsogen und mir die Idee des Augenblicks wieder näher brachten: Jedes Augenschließen, selbst das kleinste Zwinkern, rückt uns ein Stückchen dem Tod näher. Ich entschuldige mich für die gleichzeitige Morbidität und Spiritualität in diesem und den folgenden Sätzen. Wenn wir unsere Augen schließen, lenken wir den Blick weg vom Licht, ab vom Hellen, vom Blendenden und richten ihn auf das Dunkle, eigentlich Verborgene. Vielleicht sogar auf das Dunkle in uns. In diesen Momenten wenden wir uns ab von der Wirklichkeit, ab von der wirklichen Welt, ab vom Augenblick. Wir wollen dann nicht (mehr) sehen und somit auch nicht einsehen. Teilen mit jedem Lidschlag, mit jedem noch so kleinen Blinzeln, unser Leben in viele einzelne Augenblicke, anstatt alles so weit/gut wie möglich in einem Augenblick, sowie in einem Atemzug, zu durchleben, zu sehen und einzusehen. Jeder, der schon einmal seine Augen geschlossen und das Rot dahinter beobachtet hat, kennt das ihm innewohnende Gemurmel und Getümmel. Dieses Rot hindert einen am Leben.

Betrachtet man kleine Kinder, sieht man, falls man denn auch hinschaut, dass diese so gut wie nie ihre Augen schließen. Kaum ein Schlag, nicht einmal ein Kneifen kommt ihnen über die Augenlider; oder auch Augenlippen, weil selbst Augen sprechen können, oft sogar mehr als Münder. Mit weit aufgerissenem, sehnendem, leuchtendem Leuchten saugen sie alles in sich auf. Mit fragend wissendem Blick durchstöbern sie ihre Umgebung und die Welt. Ständig auf der Suche nach Antworten, neuen Fragen und schönen Bildern, auch nach hässlichen Bildern, sie unterscheiden da nicht. Nie als Teil eines Kollektivs. Nie teilend, bloß versammelnd und vereinigend. Immer an Beat Furrer denkend. Ständig auf der Suche nach wertvollen Augenblicken, nach dem einen Augenblick. So lernen sie, sehen ein und aus und an und ab, bilden auf diese Art und Weise ihre Ansichten und in Folge dessen ihre Aussichten. Sie behalten ihre Ziele stets im Blick, im Über- und Ausblick. Nicht krampfhaft und zitternd und ohne Nervenenenen, wie Erwachsene das tun. Kinder entwickeln ein Auge für die Feinheiten des Lebens, für das Zu-Erringende, für das Mögliche und Traumhafte. Ausnahmen schaffen sie nur dann, wenn sie weinen. Und auch das tun sie nur, um ihre Augen zu klären und ihre Sicht zu waschen. Um ihr Wesen vom Dreck der Welt zu befreien, um all den Schmutz der Elternschaft und des Sandmanns aus den Tränensäcken zu spülen. Denn nur wer weint, sieht wirklich klar.

Ein klein wenig wahre Trauer und echter Schmerz mögen wohl auch im Spiel sein, wenn diese Geschöpfe ihre Tränen fließen lassen, aber wem würde es anders ergehen, bei diesem Ausmaß an Erkenntnis, dem Erkennen der Leidenschaft und der Leidenschaftslosigkeiten, und dieser unglaublichen Menge an Bildern? Wer würde nicht zu weinen beginnen, wenn er zum ersten Mal die Ungerechtigkeiten der Welt kennenlernt?! Aber sie sind ja selbst schuld, nicht wahr? Wir sagen ihnen doch ständig: Da sieht man nicht hin! Wir, bei denen es bereits zu spät ist, wissen es ja: Mit der Zeit beginnt man zu verbittern an all diesen Ungerechtigkeiten. Und gleichzeitig zu verhärten und zu verrohen. Im Alter bedarf es mehr als lächerlicher Enttäuschungen und Verluste, um jemanden zum Weinen zu bringen. Schon Friedrich von Hausen, ein Minnesänger des frühen Mittelalters, spricht in einem seiner Lieder davon, dass ihm seine Augen viel Leid angetan haben. Auch ich kenne das, so wie viele andere, nur zu gut. Davon kann auch ich Lieder singen, die ich wie meine Texte nie aufschreibe und verkommen lasse. Von meiner Geburt an kamen mir Bilder vor die Sicht, die ich lieber vermieden hätte, die nämlich nachträgliches Auslöschen nicht zulassen. Nachträgliches Auslöschen funktioniert bloß im Krieg und auch dort nur bedingt. Blutgeld und andere Dummheiten. Ich wünschte, sie vergessen zu können, all die Schreckensszenen aus dem Fernsehen, aber auch solche, die man tatsächlich miterlebt. All das Leid und der Schmerz, die einem durch die Augen in die Sinne geraten. All das Freud- und Hoffnungsvolle, das dadurch verloren geht! Blut und verstümmelte Körper und zerbrochene Liebschaften und Intrigen und Pfeile durch Hälse und geköpfte Köpfe und gefolterte Menschen und gefolterte Tiere, deren Foltern hingenommen wird, und Portraits von Serienmördern und Nachrichten und Familienleben und aggressive Animationsfilme und Horror in Alltäglichem und gebrochene Arme von Extremsportlern und an Galgen hängende Hängende. Ach, der Blick für das Schöne: Wie schlimm dieser darunter leidet! Wie viel unnatürliche Ängste hervorgerufen werden dadurch, wie viel Störungen im normalen Erleben diese Bilder bewirken. Hinter jeder Ecke lauert ein Messer, in jedem Keller verstecken sich Leichen, und hinter Fenstern, im Garten, spannt jemand mit Maske, der Durst nach Bösem hat. So viel Leid im Denken und Empfinden, durch zu viele Bilder, die das Denken und Empfinden behindern … Doch ich glaube, dass sich dieses Leid auf jeden Fall lindern lässt, indem wir uns zum Weinen bringen und unsere Augen endlich ganz alleine leben lassen, nicht eingreifen in ihr Tun. Ihnen keine Fiktionen vorgaukeln, sie nicht grob verschließen, sondern öffnen: Der Welt.

Mit diesem Wahrnehmen im Kopf blicke ich in leuchtende Kinderaugen und weine, weil meine ihren Glanz verloren haben und trüb worden sind. Verzweifelt weine ich meinen Jahren und Monaten und Wochen nach und frage mich, was denn bloß aus mir geworden ist, weshalb nichts aus mir geworden ist.  Wo ist er hin, der Drang, Neues kennenzulernen? Wo bleibt meine Neugier, wo bleiben meine Fragen? Wie kann ich bloß meine Augen verschließen vor all der Schönheit, die um mich herrscht. Wie kann es möglich sein, dass ich bloß von einer Panikattacke zur nächsten wandle, von einer Gewaltfantasie zur nächsten? Wie konnte es geschehen, dass ich den Blick für das Wesentliche verliere und mich jetzt im Unwesentlichen ertränke? In Bildern und Szenarien, die nicht von dieser Welt sind.  Ich weiß es nicht. Unter Tränen muss ich einsehen: Ich weiß es nicht. Und auch wenn mich dieses Weinen nicht klüger macht als zuvor, und nicht reicher, auch wenn es meinen Blick nicht wirklich zu schärfen vermag, so verleihen diese Tränen meinen Augen sogar wieder etwas von der früheren jungen Kraft, wie sie Kindern inne wohnt. Sie glänzen wieder so, wie in meinen Jahren als Kind. Deshalb möchte ich diesen Text ausnahmsweise mit einem Appell schließen, mit einem Appell an alle Menschen, die nicht mehr hinsehen können und wollen: Weint! Befreit euch vom Schmerz des Wegblickens und reinigt eure Sicht. Die Augen wären uns schon lange nicht mehr verbunden, deshalb lasst sie nicht geschlossen!

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17 Gedanken zu “

  1. und gegen panik und phantasien
    hilft handfeste betätigung

    schneeschaufeln
    hämmern und meißeln
    schnitzen
    kochen
    tanzen
    singen

    irgendwas
    das dein herz schneller schlagen lässt

    ja
    sex auch

  2. alles was ich
    weiß ist

    wenn die angst
    am größten ist
    sich bis zum höhepunkt
    gesteigert hat

    dann ist genau
    der krisenhaft-kritische
    punkt erreicht
    wo sie anfängt
    zu aufzuhören

    es gibt keinen andern weg
    in einem zyklischen geschehen

    oder ja
    du kannst schon vorher
    aussteigen und
    die gleiche kraft
    die du für die angst
    verbrauchst

    in ein anderes projekt stecken

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