Ein anderer Sommernachtstraum

Jetzt, wenn die Sonnenstrahlen wieder beginnen einzeln zu strahlen und hervorzutreten aus dem lichten Ganzen, das wir Schein nennen, wird alles gut und zudem so, wie wir es uns früher immer gewünscht hätten. Gewünscht hätten wir uns alles stets leichter und unbesorgter und verklärter; und so wird es jetzt auch kommen, aber eben noch leichter und unbesorgter und verklärter als gewünscht. So spielt das Leben. Ganz oder gar nicht, immer unerwartet und ganz bestimmt unverhofft (dieses Wort habe ich noch nie verstanden und es kommt oft). Wenn ich mir Gedanken darüber mache, weshalb der Sommer mich so braun im Kopf färbt und meinen Körper mit Schweiß befleckt, dann machen die Gedanken mich und mein gesamtes Vorhaben schlapp. Wenn ich mir deshalb Sorgen mache, über dieses Erschlaffen, machen die Sorgen mich (fertig). Jemand außerhalb meines Selbst kann sich davon keine Vorstellung machen. Und wenn ich mir keine Vorstellungen mache, machen keine Vorstellungen mich (aus). Genügend Wortspiele untergebracht.

Jetzt, wenn die Sonnenstrahlen wieder beginnen einzeln zu strahlen und hervorzutreten aus dem lichten Ganzen, das wir Schein nennen, gilt selbiges für die Menschen. Das gesamte matte Bündel von Gleichheit löst sich voneinander, jede Frau und jeder Mann und jedes Dazwischen und jedes Darüber leuchtet endlich und lässt den Sommer sich selbst gebären (und gebärden!). Ich bin verliebt in dieses Jetzt, weil es mich auch zu einem solchen macht. Ich bin ein Jetzt in diesem Moment. Ich bin verliebt in das Liegen in meinem Park und in die Menschen, die sich in ihm verirren. Schwärme für die Menschenhände, die einander abschlagen, um sich zu begrüßen und die Menschenarme, die einander umschlingen. Und die Körper! Die ganzen! Die sich kugelnd kuschelnd ins grüne Gras werfen. Dort will ich hin. Wo das Gras grün ist und das Grün satt; und wo glückliche Menschen darauf schaukeln, die satt sind, aber dennoch nicht genug haben. Nicht von dir oder von mir und unserem gemeinsamen Nichts-Tun. Dort will ich hin. Umgeben und eingehüllt von ständigem, fast ewigem Rauschen, das auch ein Donnern sein könnte. Ungewohnt für einen Menschen vom Land, der am Land wohnt und jetzt in der Großstadt ungewohnt. Ungewohnt für einen Menschen wie mich, der sonst bloß zögernd leise hört. Kühe, Schweine und den Uhu vom Nachbarn. In der Großstadt schmälert kein Baum, kein großflächiger Park dieses Rauschen. Lärm steht da brach, ohne Rücken, ohne Schutz und Hilfe, völlig verschmolzen mit Stille und Geräusch und Stimmen. Nichts kann man mehr sauber voneinander trennen. Alles ist laut, selbst das Leise. Rührend vom öffentlichen Verkehr, der immer auch öffentlich lärmt. Stammend von privatem Verkehr, der immer immer öffentlich lärmt. Weil Privates immer laut ist in unserer Zeit und Lautes immer Privat. Politik nennt man das. Eingeschoben der Ruf eines jungen Mannes. „That’s really all i want from life: playing frisbee in a nice park“. Der Lärm schlägt auch von Fußgängern her, die über Liegende stolpern und stammt zusätzlich von zusätzlichen Radfahrern, die über Fußgänger stürzen. Alle stürzen mit, weil sie mitstürzen wollen, weniger aus Solidarität als aus Lust am raschen Fallen, am kurzlebigen Schmerz. Einen sanften Umlaut bringen auch die Vögel in diesen Lautkreis. Gezwitscher, das tut, als ob es Teil eines Balzens wäre, aber eigentlich bloß uns Menschen betören will und uns verliebt machen und kleine Kinder in kleinen Kleidern wunderlich. In solchen Momenten kippt die Welt aus ihrem Mittelpunkt und erfindet ihn neu. Ein buntes Treiben mit schwarzen Sprenkeln.

Jetzt könnte ich noch über die Ameisen schreiben, die sich während meinem Tag im Park in meinen Hosen vermeistert haben, diese fleißigen Racker, und in diesem Jetzt, das ich so liebe, über mein Bett, meinen Bauch und meine Finger wandern. Aber ich bin schon zu müde dazu, des Schreibens müde, denn der Sommer macht eine Sache ganz besonders: Uns Menschen müde. Denn im Jetzt, wenn die Sonnenstrahlen wieder beginnen einzeln zu strahlen und hervorzutreten aus dem lichten Ganzen, das wir Schein nennen, gilt selbiges für die Menschen. Und Strahlen verblassen nun einmal.

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