Von Wahn und Sinn

Letzte Nacht hing ich wieder so an meinem Leben, ganz so, als ob es das deine gewesen wäre. Es war fürchterlich, weil ich dieses „am Leben hängen“ hasse, weil einem das nichts als Wege in den Stein legt. Weil am Leben hängen an der Angst hängen heißt. In einem kühlen Grunde. Nichts mehr. Vielleicht weniger. Ich ließ meinen Kopf über die Bettkante hinweg baumeln, in der Hoffnung, meine sorgenvollen Gedanken hängen lassen zu können, sie zu erhängen, aber es half nicht und ich verfiel dem ewigen Taumel, begann mich in Sprichwörter und Mythen hineinzuweben, spann die üblichen Floskeln und schreibe sie nun wie üblich hier nieder. Ich kenne das ja: Man fängt mir nichts dir nichts an, bemüht sich, die Dinge ordentlich zu machen und die Vorstellungen zu ordnen, um ja gerade stehen zu können dafür. Selbst, wenn einem der Rücken davon zu schmerzen beginnt. Wenn man es nicht täte, gäbe es ja moralische Entrüstung, die zur Entrüstung des eigenen Selbst mutieren würde. Horrible. Man tritt folglich in Erwartungen ein, in die eigenen und in die fremden, und fragt sich, ob man selbst reicht oder ungenügend ist. Man achtet und gibt acht, auf die Mitmenschen und auf die Gesundheit, gerade auf die Gesundheit, weil sie bleibt und immer kränker wird. Gerade wegen dem übermäßigen Verzehr von Fleisch und Alkohol und vor allem auch wegen vegetarischer Ernährung, vom Veganismus ganz zu Schweigen. Der Körper wird krank im Gerede um alles Krank- oder Gesundmachende, weil es das alles gar nicht gibt. Wir lassen uns von Ernährungsratgebern und Essensexperten (von Sexexperten ebenso!) ernähren – was täten wir bloß ohne diese und alle anderen Experten in unserem Leben? – und vergessen zu essen, verlernen zu ernähren. Verlieren jegliche Ahnung davon, wie wir in Ruhe einschlafen und ohne Sorgen sein können. Wir schrumpfen von Ernährern (dieses belastete Wort tut mir leid) zu Ernährten. Von Schlafenden zu Schläfern und Wandlern.

Aber zurück zu letzter Nacht: Mein gesamter Körper, innen wie außen, bebte und wallte, klammerte sich aus seinem eigenen vollen Leibe an das Bett. Ich wurde zu Efeu. So sehr meine Gedanken hätten aufsteigen wollen, so sehr ich endlich loslassen können wollte und leicht und leichtsinnig, so sehr ich mich darum bemühte, gelang es mir doch nicht. Mein Überlebenswille war zu gewaltig, die Furcht vor einer möglichen und wahrscheinlichen Leere noch weit unerträglicher. Ausgezogen und rasiert habe ich mich, zuerst Gesicht, dann Lende. Jeden Stofffetzen und jedes Härchen des Widerstands, jede Phantasie und jedes Märchen habe ich beseitigt und getilgt und mich dann nackt auf Bett und Bettdecke gelegt. Nackte Menschen holt sich der Tod, der zudem die Freiheit ist, besonders gern. Die riechen so herrlich nach warmem Fleisch und Geschlecht. Zumindest hat mein Großvater das immer behauptet. Mein Großvater hieß Ernst König und arbeitete als Bestatter und sah dem Tod sehr ähnlich, zumindest in meiner Vorstellung, und die war noch nie sonderlich farbig oder bunt. Da lag ich also in meinem Bett, ein Stück Mensch und wartete auf einen Sturm, auf einen erlösenden Wirbel, der mich endlich implodieren ließe. Ich verharrte Stunden, begann schon zu verrotten – ich spürte es –  doch nichts geschah. Doch dann kam mir ein Gefühl in den Sinn, eines der Billigung und Annahme. Ich nahm an und billigte allen Wahn in mir, missbilligte bloß die tatsächlich schand- und schundhaften Verlangen in mir, schloss Frieden mit dem Wirrwarr, mit dem Geflecht aus Floskeln und Mythen und dem Gefilde der Experten und wurde leicht. Ich schlief ein ohne eine Angst, ohne ein Bedenken, weil ich mich in diesem Moment mit einer rostigen Schere von allem Gefürchteten und Durchdachten trennte und in Wolkiges fiel.

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