Ohne Beweggrund

Wenn die Fassaden um einen herum bröckeln und knistern, bringen die eigenen Hände über dem eigenen Kopf nichts mehr. Was man dann braucht, ist Schutz, weil einem keine Sicherheit, schon gar nicht die Selbstsicherheit, ein sorgendes Dach bieten kann. Aber so ohne Atem und ohne Vertrauen in Menschen, so voller Verzweiflung in den einfachsten Bewegungen, ohne Beweggrund, da stellt diese Suche ein steiniges Vorhaben dar. Man hätte Hilfe nötig, scheut aber die Notwendigkeit eines Wechsels, eines Wandels. Man wird stumpfsinnig, spricht über das Essen letztes Jahr zu Ostern in diesem einen Wirtshaus in der Nähe von du weißt schon wo. Man weiß es und ermüdet daran. Man bündelt sich selbst in Floskeln und Familienangelegenheiten und den ewig gleichen Beziehungen, die einem den ewig gleichen Ärger bescheren. Man versucht stoisch zu verharren, sammelt sich die viele unausgeglichene Wut in Hals, Brust und Magen, onaniert im Gegenzug ein wenig mehr, frisst und stopft sich ein wenig mehr voll als gewöhnlich und weint dafür nicht ganz so häufig. Das Schweigen bleibt das Gleiche. Eine geeignete Möglichkeit zur Kompensation ist auch wirklich schwierig zu finden, im Internet steht so etwas nicht, dort stößt man sich bloß an Pornographie und sonstigem Verdruss, der einen wieder onanieren und fressen lässt. Diesen Frust, der sich in einer solchen Tiefe verfestigt hat, wird man leider auch nicht durch das Schreiben oder Lesen los. Was soll man auch schreiben? Was soll man auch lesen? Bernhard, Handke, Brecht, Jelinek, Fried, Donald Duck Geschichten? All diese Bücher liegen seit Wochen schon auf meinem Nachtkästchen und belagern die Klarheit meiner Gedanken, treiben meinen Puls nach oben, je weniger ich sie lese. Sie liegen mir auf der Brust.

Wenn die Fassaden um einen herum bröckeln und knistern, bringen die eigenen Hände über dem eigenen Kopf nichts mehr. Was man dann braucht, ist Schutz. Und den findet man  im Schutt der bereits gebrochenen Fassaden in einem Selbst.

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2 Gedanken zu “

  1. Wenn du schon spürst, dass Stumpfsinn dich vereinnahmt, ist der erste Schritt zur Notwendigkeit des Wandels getan.
    Aber: Man kann dich zwar an der Hand nehmen, doch gehen musst du alleine.

    Onaniert man nicht eher aus Lust statt aus Frust?

    Schöner, berührender Eintrag.

    • Vielen Dank! Ich denke auch, dass das Spüren den ersten Schritt bildet. Und ja: Onanie sollte vermutlich aus Lust geschehen, aber wie rein und konzentriert kann Lust sein? Ist Frust nicht immer (zumindest) ein klitzekleiner Teil davon?

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