Stream Of Consciousness

Erste Zeilen tun immer weh. Auch hier. Ich sitze im Bus und denke mir das einfach so, ohne Schmerzen, und beginne dadurch zu schreiben. Darüber, wie das ist, wenn man sich etwas denkt. Und auch darüber, ob es eine Bedeutung hat, wo man es denkt. Regen prasselt ohne Ende auf das Dach über mir und der Wind verträgt den Bus ein wenig nach rechts und lässt ihn schwanken. Die Leute am Gehsteig weichen zurück, die Köpfe keine Spur hebend. Dieser Wind heute wird Wien wieder einmal in höchstem Maße gerecht. Er peitscht die Regentropfen orkanartig in die hochgestellten Kragen der Menschenmäntel. Die klirrende Kälte schneidet mit eisigem Biss die einzelnen Körperglieder von den ganzen Körpern ab. Keiner nimmt sich mehr als Ganzes wahr, nur noch als etwas frierend zitternd Zerstückeltes. Jeder fühlt sich an die Grenzen seiner Menschlichkeit gedrängt. Und all die abgetrennten Glieder werden durch den letzten Rest dieser Menschlichkeit, durch den Faden des Denkens zusammengehalten, wie die Holzstücke einer Marionette. Stream Of Consciousness. Wer am Faden zieht, wer wirklich Drahtzieher ist, kann man schwer sagen, jedenfalls schüttelt sich mit jedem Windstoß das Ganze des Menschen, angefangen bei den Waden, bis rauf zum Nacken, in einem blitzähnlichen Zucken, bei welchem sich Arme und Beine am liebsten vom Körper schleudern, gar reißen würden. Zehen und Kopf allerdings bleiben eingemeißelt stumm, ohne Gebärden, weil sie triefend nass vor Kälte und dem Stumpfsinn des Regens sind. Die Haare platt und schimmernd, zerfurcht die Gesichter, als ob der Regen sauer und die Gesichter Kalkstein wären. Inmitten von diesen, gerade erst eingestiegenen, zerfressenen Denkmälern sitze ich nun im Bus und wärme mich. Zum Teil sogar an ihnen. Grundsätzlich scheint dieser Ort die Gemüter wieder aufzuhellen und die Einzelteile ein wenig mehr zusammenzufügen. Die Sonne beginnt trotzdem nicht zu scheinen. Der Innenraum des Busses dampft schon, die Scheiben sind ganz beschlagen. Kleinkinder und Kindgebliebene malen Herzen und ihre Namen in die sichtbar gewordene Feuchtigkeit. Auch ich lege meinen Stift kurz auf den Schoß, um mit meinem Zeigefinger den Namen eines Mädchens zu schreiben. Dieser Name ist alle Namen gleichzeitig. Er meint Lisa, Theresa, Christina, Kathrin, Elisabeth, Sarah, Daniela, Lea, Sophie und auch Magdalena. Wie ich wieder zu meinem Stift greife, überkommen mich kurz all die Erinnerungen, die ich zu diesen Namen habe. Man verdrängt diese Erinnerungen und das dazugehörige Verliebt-Sein ohnehin immer zu rasch. Man lenkt sich ab, um nicht ständig an die vielen Mädchen denken zu müssen, die man Tag für Tag kennenlernt und die einem Atem, Verstand und Ruhe rauben und die man dann nie anspricht. Tag für Tag. Wenn jetzt eines dieser Mädchen durch die Bustür käme, würde ich es etwas fragen, denke ich mir. Selbst wenn es im nächsten Moment wäre. Ich würde nach seinem Namen fragen und auch, ob es friert. Ob ich ihm meinen Schal umhängen darf. Und dann würde ich mit Lisa, Theresa, Christina, Kathrin, Elisabeth, Sarah, Daniela, Lea, Sophie und auch Magdalena sprechen. Würde die Worte aus meinem Mund purzeln lassen und mich nach und nach um die Finger dieser Mädchen wickeln. Und ich wäre trotzdem keine Marionette, ich wäre Mensch und ganz. Und ich würde endlich aufhören zu schreiben, an diesem regnerischen Tag, und warm werden mit mir selbst. Letzte Zeilen tun nie weh. Aber sie zittern recht häufig. Mehr vor Angst als vor Kälte. Aber den Mutigen gehört ihre Welt.

 

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